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Nachhaltige, naturgemäße Bienenhaltung

Seit den 80er Jahren hat die Einschleppung der Varroamilbe aus Südostasien verheerende Folgen auf die Bienen.  Monokulturen, Unkrautvernichtung, Schädlingsbekämpfung und Umweltgifte rauben den Tieren ihre Lebensgrundlage, schwächt sie und macht sie anfällig für Krankheiten.

Erschwerend hinzu kommt, dass Imker*innen in der ertrags-orientierten Imkerei einem starken kommerziellen Druck ausgesetzt sind. Zu diesem Zweck werden die Bienenvölker während des Jahres mehrfach zu günstigen Trachtquellen gebracht (Wanderung) und Eingriffe in das Bienenvolk vorgenommen, welche die natürliche Lebensweise der Bienen hemmt und die Völkerentwicklung schwächt. Durch gezielte Zucht, Vereinigung schwacher Völker und dem Einsatz des Absperrgitters versucht der kommerziell arbeitende Imker dies auszugleichen. Hinzu kommen Artenarmut der Sommervegetation,  Zuckerfütterung und einfachwandige Beuten, welche die Widerstandskräfte der Bienenvölker stark herabgesetzen und damit Krankheiten und Parasiten Tür und Tor öffnen. 

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Massenaufwanderung bei der Tannentracht im Schwarzwald

Seit sehr vielen Jahren versucht man mit biologischen Bekämpfungsmaßnahmen und der sogenannten Toleranzzucht dem Problem zu begegnen. Bisher ist der erwartete Durchbruch jedoch noch nicht gelungen.

Der Weg zu einer nachhaltigen Bienenhaltung

Mit der Ausbreitung der Varroamilbe in den 80er Jahren und dem ersten großen Bienensterben in Deutschland stellten einige Imker ihren Umgang und ihr Verständnis zu den Bienen grundlegend in Frage. Im Umfeld der Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle wurde, inspiriert durch die Werke von Ferdinand Gerstungs (1860-1925), eine Paradigma für eine Betriebsweise entwickelt, die in der Imkerei als art- oder wesensgemäße Bienenhaltung bezeichnet wird und Grundlage für die Demeter Bienenhaltung wurde. Leider bleiben aber bis heute wesentliche Forderungen unberücksichtigt. Dies sind die Isolierung der Bienenwohnung, der Verzicht auf Zuckerfütterung und der Verzicht auf Behandlungsmittel gegen den Parasiten Varroa.   

Angepasster Brutraum *) und Verzicht auf Reizfütterung

Die Betriebsweise des angepasssten Brutraumes zielt darauf ab, die Wabenzahl im Brutraum möglichst gering zu halten und mit Thermoschieden (Schaumstoffe) einzuengen. Die  Vertreter argumentieren dies mit der Optimierung des Wärmehaushaltes. Diese künstliche Einengung des Brutraumes hat zur Folge, dass der Honig-Pollenkranz auf den Waben entällt und der Königin zeitweise keine freien Wabenzellen mehr für Brut zur Verfügung stehen. Dabei reduziert der Mangel an Pollen und Honig, angrenzend an das Brutnest, die natürlicher Weise auftretende  Schwarmstimmung. Dafür erhöht sich die lebensdauer der Bienen und somit signifikant auch der Ertrag, da der gesamte Honig in den Honigraum gedrückt wird und dem Imker zur Verfügung steht.

voll bebrütete Wabe ohne Pollen- und Honigkranz

In der nachhaltigen ökologischen Bienenhaltung wird gänzlich auf diese völkerschädigende Praxis verzichtet. Gleiches gilt für die Reizfütterung mit Zuckerwasser. Durch die Anpassung der Wabenzahl an den Entwicklungsstand des Bien können sich starke Bienenvölker entwickeln. Die Volksentwicklung wird jedoch nicht durch zu kleine Bienenwohnungen begrenzt.
*) Mit  „angepasster Brutraum“ ist der  von Ferdinand Gerstung ursprünglich definierte Begriff von einer an die Volksgröße angepasste Wabenzahl gemeint. Er hat nichts mit der heute so gerne propagierte Pressingmethode nach Hans Beer zu tun.

Durchgängiges Brutnest durch Hochwaben, Verzicht auf  Königinnen-Absperrgitter
 
und vorzugsweise Naturwabenbau

In der konventionellen Bienenhaltung wird zur einfacheren Handhabung der Brutraum großer Völker in kleine Kisten unterteilt. Da Honig ausschließlich von brutfreien Waben geerntet werden kann, versucht man außerdem die Königin durch Absperrgitter vom Honigraum fern zu halten. Die Eingriffe stören das Bienenvolk nachhaltig in ihrer Entwicklung und schwächen es zu Gunsten der Ertragssteigerung. Dabei richten gesunden Völker selbstständig eine räumliche Unterteilung von Honig- und Brutraum ein, die aber kleinere Einbußen im Ertrag bringen können.

Bei der wesensgemäßen Bienenhaltung dürfen die Bienen das Brutnest möglichst ungestört auf großen Waben entwickeln. Die Königin wird nicht durch Absperrgitter auf einen kleinen Brutraum beschränkt. Auch der Ausbau ihrer Behausung wird ihnen überlassen. Die Bienen bauen alle ihrer Brutwaben selbst und können den Wohnraum ihren eigenen Bedürfnissen anpassen. Im Honigraum können Wachsmittelwände vorgegeben werden, die von den Bienen ausgebaut werden. Darauf wird jedoch vorzugsweise verzichtet.

Wabengasse

Bild links:  Hochwabe aus der „bienenfreude“ mit durchgängigem Brutnest (blau) und einteiligem Honig-Pollenkranz (gelb)
Bild rechts: zwei übereinander liegende Zanderwaben aus derselben Wabengasse mit geteilten Honig-Pollenkränzen und geteiltem Brutnest und Gelege unterschiedlichen Alters

Naturbelassene Königin und Vermehrung durch den Schwarmtrieb

Ein Bienenvolk ist eine selbstbestimmte Gemeinschaft, ein sogenannter Superorganismus und kein „Ersatzteillager“ (Zitat: Thomas Radetzki). Daher werden alte Königinnen nicht durch junge ersetzt, sondern die Völker dürfen still umweiseln. Die Vermehrung erfolgt auf natürlichem Wege durch den Schwarm oder Kunstschwarm. Die Königin bleibt naturbelassen, ihr werden keine Flügel gestutzt!  Auch auf  künstliche Königinnenzucht wird gänzlich verzichtet. Den Zeitpunkt der Vermehrung bestimmt das Volk selbst durch das Anzeigen der Bereitschaft zum Schwärmen.